Traumpralinen

Ein badischer Krimi
von Jutta Ebersberg
Broschiert 200 Seiten
ISBN: 978-3-7322-5556-6

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Traumpralinen | von Jutta Ebersberg

Kurzbeschreibung:

Der zweite badische Krimi von Jutta Ebersberg! In ihrem neuen Fall werden die Kommissarin Ute Becker und ihr Kollege Alex Weingärtner zu einem Unfallort gerufen: Nicole Hochstätt-Karcher ist auf dem Weg ins Albtal mit ihrem Sportwagen tödlich verunglückt. Es stellt sich heraus, dass sie kurz vor der Fahrt selbstgemachte Pralinen genossen hat…Nicole war die Tochter des Besitzers der Firma „Exquisitmöbel“ in Ettlingen.

Auch für nicht eingefleischte Krimifreunde ein Lesevergnügen.

Blick ins Buch:

Nicole Hochstätt-Karcher überraschte ihre Kollegin Simone Zieger gleich am Morgen damit, dass sie heute etwas unter-nehmen werde. Der Wetterbericht hatte einen letzten golde-nen Oktobertag versprochen, bevor morgen eine Kaltfront mit vereinzelten Regenschauern aufziehen werde. „An einem solchen Tag versauere ich nicht am Schreib-tisch, das steht schon mal fest!“ Simone, die mit ihr das Büro teilte, warf einen Blick in den Terminkalender und das Auftragsbuch und hob die Augenbrauen. Sie unterdrückte eine Bemerkung, denn auf die zu erwartende schnippische Antwort konnte sie verzichten.
Kurz nach dem Mittagessen holte sich Nicole aus der Kaffeemaschine ihren üblichen doppelten Espresso, setzte sich mit übereinander geschlagenen Beinen an ihren Schreibtisch und fuhr ihren PC herunter. Nacheinander ließ sie drei Pralinen, die auf einer silbernen Dessertschale lagen, auf der Zunge zergehen und trank den Espresso dazu. Danach stellte sie ihre Handtasche auf einem Stuhl bereit, nahm den leichten Mantel aus dem Schrank, legte ihn über den Arm und verließ mit einem kurzen Gruß in Richtung Simone das Büro. Mit beschwingten Schritten ging sie zum Parkplatz, stieg in ihren dunkelgrünen Sportwagen, setzte die Sonnenbrille auf, schlang ein Seidentuch um den Kopf und ließ das Verdeck herunter. Sie wollte diesen Tag noch einmal richtig genießen. Ihr Ziel war das Thermalbad in Bad Herrenalb mit seinem großzügigen Spa-Bereich.
Schon nach wenigen Minuten Fahrt bemerkte sie eine Schwere in ihren Gliedern, für die sie keine Erklärung fand. Sie hatte Ettlingen hinter sich gelassen, einen kurzen Blick auf die Buhlsche Mühle geworfen und befand sich nun auf einer Strecke, die ihr mit der Geschwindigkeitsbeschränkung eine Disziplin abverlangte, der sie nur selten gewachsen war.
Nicole stellte fest, dass sie leicht von der Fahrbahn ab-kam und wollte dagegen steuern, aber ihre Hände gehorch-ten ihr nicht. Auch der Fuß, der auf dem Gaspedal stand, weigerte sich, auf die Bremse zu wechseln. Was war mit ihr los, und warum war sie so unendlich mü-de? Sie versuchte, ruhig durchzuatmen und einen klaren Gedanken zu fassen, doch plötzlich riss alles ab. Nach einem kurzen Black-out fühlte sie sich auf einmal leicht und frei. Sie sah den Baum auf der linken Straßensei-te: seine Blätter leuchteten in allen erdenklichen Farben! Schon als Kind hatte sie Bäume geliebt und gerne mit Holzspielsachen gespielt. Auf der gleichen Seite kam eine glänzende schwarze Kugel auf sie zu, in der sogar eine Person saß. Und was war das für eine Musik, die sie hörte? Es kam ihr wie ein großes Hupkonzert vor und auch sie wollte einstimmen, aber ihre Hand versagte den Dienst. Der leuchtende Baum kam näher, welches Farbenspiel: diese bunten Blätter vor dem tiefblauen Himmel!
Der Fahrer des entgegenkommenden Wagens spürte seinen flatternden Herzschlag und einen dicken Kloß in der Kehle: er sah, wie sich dieser Sportwagen unerbittlich nä-herte. Ein rascher Blick in den Rückspiegel zeigte, dass dicht hinter ihm das nächste Auto folgte. Seine Hände waren schweißnass, als er fieberhaft überlegte, was er tun solle: Frontalzusammenstoß? Vollbremsung mit Auffahrunfall von hinten? Spurwechsel und Zusammenprall mit den entgegenkommenden Fahrzeugen oder links durch die Leitplanken die Böschung hinunter? Die Zunge klebte ihm am Gaumen, als er seinen Wagen in die Mitte der Fahrbahn zog, die Hände fest verkrampft um das Lenkrad.

Nicole fragte sich, was wohl passieren würde, wenn sie weiter auf diesen bunten Baum zusteuerte. Das Überfahren des Bordsteines war wie ein extremes Hüpfen, und entge-gen ihrem Empfinden ging alles blitzschnell: nach einem ohrenbetäubenden Krach war sie in weiche Airbags einge-bettet.
Der entgegenkommende Fahrer konnte eine Kollision mit ihr und auch dem Folgeauto nicht vermeiden. Ein lauter Stoß machte ihm klar, dass weitere Wagen aufgefahren waren. Auch seine Airbags hatten umgehend reagiert, mit einem Unterschied: er war noch am Leben.

****

Als Ute Becker zu Hause eintraf, herrschte rege Geschäf-tigkeit im Garten: Herr Eberhard war mit einem Rechen dabei, die vielen Blätter des alten Walnussbaumes auf einem Haufen zu sammeln. Leonie stopfte sie mit beiden Händen in einen Laubsack, der fast so groß war wie sie selbst. Ihr jüngerer Bruder Torben sammelte herumliegende Nüsse in einen groben Stoffbeutel. Herr Eberhard hielt inne, als er Ute bemerkte. „Frau Becker, darf man das als gutes Zeichen im Blick auf die Kriminalität in Karlsruhe verstehen, dass Sie schon so früh nach Hause kommen?“ Ute lächelte. „Ich habe mit meinem Kollegen vereinbart, dass ich an diesem herrlichen Tag ein paar Überstunden abbaue. Im Moment gibt es nichts ganz Dringendes zu tun, und er hat kein Problem damit, im Büro zu bleiben, da er unter seinem Heuschnupfen leidet. Er freut sich auf den angekündigten Wetterumschwung – vielleicht machen wir dann einen Tausch und ich arbeite, während er durch den Regen wandert und es genießt, eine freie Nase zu haben.“ „Ich habe mich auch entschlossen, das Wetter zu nutzen, um dem Laub zu Leibe zu rücken, bevor es nass und glitschig am Boden klebt. Es ist unglaublich, was so ein Baum abwirft, aber wir dürfen nicht klagen, im Sommer sind wir für den Schatten dankbar, und einen gewissen Schnakenschutz stellt ein Nussbaum ja auch dar.“ Ute wandte sich an die Kinder. „Na, Torben, wie sieht es mit Nüssen aus?“ Er kam aufgeregt auf sie zugerannt und hielt ihr stolz den Beutel hin. „Willst du welche? Mit den anderen will Mama einen Kuchen backen.“ „Ich glaube, dann würde ich lieber ein Stück Kuchen nehmen, wenn das auch geht.“
Leonie mischte sich ein: „Klar geht das. Wir müssen nur zuerst die ganzen Nüsse knacken, es sind auch taube da-bei.“ Sie wischte sich mit ihrer schmutzigen Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hinterließ eine entspre-chende Spur.
Herr Eberhard rief: „Kinder, jetzt lassen wir die Frau Kommissarin erst mal in ihre Wohnung, sonst hat sie ja gar nichts von ihrem freien Nachmittag. Und wir machen hier weiter, dass das mit dem Kuchen etwas werden kann.“ Er nickte Ute zu und nahm seinen Rechen, auf den er sich aufgestützt hatte, wieder zur Hand.
Mit einem Winken ging Ute zur Haustür, schaute noch kurz in ihren Briefkasten, der außer einem Schreiben ihrer Bank nichts zu bieten hatte und ging die Treppe hoch zu ihrer Wohnung. Nachdem sie ihren Rucksack abgestellt hatte, zog sie sich etwas Bequemes an und öffnete dann alle Fenster und die Balkontür. Sie schaute einen Augenblick hinunter und beobachtete das eifrige Treiben im Garten. Herr Eberhard verstand es sehr gut, die Kinder der Familie Walther aus dem Erdgeschoss in seine Arbeit einzubinden. Er hatte sich damals gleich nach seinem Einzug für den Garten verantwortlich gezeigt. Nach seinen langen Berufsjahren als Pfarrer hatte er die körperliche Arbeit und die Betätigung im Freien als Ausgleich empfunden. Mit einem Buch und einem Glas Johannisbeerschorle machte es sich Ute auf dem Balkon gemütlich, später wollte sie dann noch eine Runde mit dem Fahrrad drehen. Ganz versunken in ihre Lektüre schrak sie auf, als das Telefon plötzlich läutete. Beim Blick auf das Display stutzte sie und meldete sich.
Die vertraute Stimme ihres Kollegen Alex Weingärtner riss sie aus ihrer Balkonidylle. „Dir ist es doch bestimmt schon langweilig ohne Ermittlungen. Ich hätte da etwas im Angebot: es kam gerade ein Anruf rein, dass es einen schweren Autounfall auf der Straße ins Albtal gegeben hat. Es könnte ein Suizid dahinterstecken. Ist es dir recht, wenn ich dich abhole? Rüppurr liegt auf dem Weg.“ „Es wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein, wenn ich einfach mal friedlich hier sitzen und einen Nachmittag genießen könnte! Ja, es ist mir sehr recht, wenn du mich abholst.“ Ihre Stimme hatte etwas Gereiztes. „Tröstet dich der Gedanke, dass ich auch nicht scharf darauf bin, schon wieder im Freien arbeiten zu müssen?“ lenkte er ein. „Du glaubst nicht, was da noch alles an Pollen herumfliegt bei so einem Wetter.“ „Überredet! Mach dich auf den Weg, bis gleich.“ Sie legte auf, zog sich wieder um und las dann noch so lange, bis sie unten ein Auto vorfahren hörte.
Unterwegs berichtete Alex, dass man die Straße kom-plett habe sperren müssen und dass es eine Tote und einige Verletzte gegeben habe. Der Wattkopftunnel diente als Zu- und Abfahrt für die Polizei und Rettungskräfte. Als sie am Unfallort eintrafen, bot sich ihnen ein schreckliches Bild: das Vorderteil eines grünen Sportwagens klebte zusam-mengefaltet wie eine Ziehharmonika an einem Baum auf der linken Straßenseite. In der Mitte der Fahrbahn stand ein schwarzer Opel quer, der mit dem Sportwagen kollidiert sein musste und dem VW auf der rechten Spur nicht hatte ausweichen können. Auf diesen waren zwei weitere Wagen von hinten aufgefahren. Vier Streifen- und zwei Rettungs-wagen, sowie drei Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr Ettlingen rundeten das Bild ab. In beide Richtungen hatte sich bereits ein Stau gebildet. Überall waren Einsatzkräfte mit ihren unterschiedlichen Aufgaben tätig: die einen be-schäftigten sich mit letzten Sicherungsmaßnahmen, andere mit der Unfallaufnahme, wieder andere kümmerten sich um Verletzte.
Ute und Alex gingen auf einen Kollegen zu, um sich einen kurzen Bericht geben zu lassen. Sie erfuhren, dass die Fahrerin des Sportwagens bereits tot war, als der Notarzt eintraf. „Der Fahrer des Opels ist schon ins Krankenhaus gebracht worden. Er hatte mehrere Verletzungen und steht unter Schock. Er sagte immer wieder: ‚direkt auf den Baum zu, direkt auf den Baum zu.‘ Er war kaum zu beruhigen. Das hat die Frage nach einem Suizid aufgeworfen, denn warum sollte jemand auf einer solchen Strecke derart von der Fahrbahn abkommen?“ „Weiß man, um wen es sich handelt?“ Der Beamte schaute auf seinen Block. „Eine Nicole Hochstätt-Karcher, wohnt in Rüppurr im Märchenviertel.“ Er nannte die genaue Adresse, die Ute, zusammen mit der Telefonnummer, in ihr schwarzes Notizbuch schrieb, das sie aus dem Rucksack geholt hatte. „Sie hatte noch ein Kärtchen der Firma ‚Exquisitmöbel‘ in Ettlingen bei ihren Papieren. Die Firma läuft auf den Namen Hochstätt.“ Auch diese Adresse notierte die Kommissarin in ihr Buch.
„War der Staatsanwalt schon da, um die Bergung der Leiche freizugeben?“ „Er selbst konnte nicht kommen, weil er bei einem wich-tigen Auswärtstermin ist, aber der zuständige Bereitschafts-dienstrichter war hier. Danach hat die Feuerwehr die Leiche geborgen. Der Vorderwagen ist massiv deformiert, so dass die Türen nicht zu öffnen waren, die Frau musste herausge-schnitten werden.“
Ute schaute von ihrem Notizbuch auf. „Könnten die Bremsen manipuliert worden sein? Sie hatten sich ja ge-fragt, warum jemand derart von der Fahrbahn abkommt. Man könnte aber auch fragen, warum jemand ungebremst auf einen Baum zufährt – da muss nicht unbedingt eine Suizidabsicht dahinterstehen.“ „Möglich ist es, das wird die Spurensicherung herausfin-den.“ „Wo ist die Tote jetzt?“ „In dem Wagen da vorne. Wir wollten warten, bis Sie hier sind, bevor sie in die Pathologie gebracht wird.“
„Wurden bereits Angehörige informiert?“ Mit einer Handbewegung in Richtung Unfallstelle antwortete der Beamte: „Im Moment haben wir noch alle Hände voll zu tun, um hier Klarheit zu schaffen und den Verkehr baldmöglichst wieder zum Laufen zu bringen. Am besten übernehmen Sie das!“ Ute wechselte einen Blick mit Alex – das würde keine leichte Aufgabe werden. „Und der Mann, von dem Sie sprachen, wissen Sie, in welches Krankenhaus er gebracht wurde?“ „Ins Diakonissenkrankenhaus, aber der wird so schnell keine vernünftige Aussage machen können.“ „Haben Sie seinen Namen?“ „Natürlich haben wir seinen Namen! Meinen Sie, wir wären zum ersten Mal in unserem Leben an einer Unfall-stelle? Er heißt Friedrich, Georg Friedrich, und jetzt lassen Sie mich weiter meine Arbeit machen.“
Alex wollte etwas sagen, aber Ute hielt ihn mit einer unauffälligen Geste davon ab. Sie spürte, dass der Mann unter dem Stress der Situation litt und sie gerade als Ventil benutzt hatte. Mit einem freundlichen Nicken verabschiedete sie sich und ging mit Alex zu dem Leichenwagen, in dem die Tote lag. Der Fahrer öffnete die Heckklappe und den Sarg, so dass sich die beiden Kommissare ein Bild machen konnten. Ute schätzte die Verstorbene auf Anfang oder Mitte vierzig. Abgesehen von den Unfallfolgen war sie eine sehr gepflegte, schlanke Frau mit einem vermutlich sündhaft teuren grauen Etuikleid, den Resten einer langen, doppelten Perlenkette und schwarzen Stiefeln, die bis an die Knie reichten, die Frakturen der Beine aber nicht völlig verbergen konnten. „Danke, Sie können losfahren. Wir bekommen ja dann einen Bericht von Dr. Blauthaler.“
Mit Alex zusammen ging sie zurück zum Wagen. Bevor sie einstiegen, ließen sie ihren Blick nochmal über das chaotische Bild schweifen, das sich ihnen bot. „Wohin fahren wir als nächstes?“ Ute schaute auf ihre Armbanduhr. „Kurz nach vier. Da sind die in der Möbelfirma mit Sicherheit noch bei der Arbeit. Es scheint ja fast so, als ob sie die Tochter des Fir-meninhabers ist. Ich denke, wir fahren zunächst mal dort-hin, danach können wir es immer noch bei ihr zu Hause versuchen. Wenn sie einen Doppelnamen hat, ist sie ver-mutlich verheiratet und hat womöglich Kinder. Die müssen wir nicht unbedingt als erste mit der Botschaft konfrontie-ren.“ Sie tippte in ihrem Handy die Nummer des Krisen-interventionsdienstes ein, schilderte in knappen Sätzen die Situation und gab die Adresse der Firma bekannt.

****

Nach einem flüchtigen Anklopfen betrat Ingo Karcher das Büro und schaute sich um. Seine Stirn zeigte leichte Falten. „Ist sie schon weg?“ „Kurz nach dem Mittagessen. Bei diesem Wetter wollte sie nicht im Büro versauern.“ „Und was ist mit dem Auftrag von Dr. Böckelmann? Er will doch heute Nachmittag gegen siebzehn Uhr vorbei-kommen.“
Simones Lippen umspielte ein Lächeln. „Ich habe den Entwurf noch etwas überarbeitet und denke, dass wir damit seine Erwartungen treffen.“ Sie deutete auf eine Mappe, die auf ihrem Schreibtisch bereitlag. Rasch ging er auf den Tisch zu, öffnete sie und blätterte darin. Schließlich hielt er den obersten Entwurf in der Hand und betrachtete ihn intensiv. Er atmete erleichtert auf, die Spannung in seinen Schultern löste sich. Ingo nahm nun auch den leichten Duft von Simones Parfum wahr, das sich so angenehm von den Düften unterschied, die Nicole hin und wieder auftrug. Er schwieg einen Augenblick und schaute dann auf: sie sah nicht nur gut aus mit ihrem fre-chen schwarzen Kurzhaarschnitt, den dunklen Augen mit den langen Wimpern und den vollendet geschwungenen Lippen, sie war auch eine herausragende Designerin. „Habe ich Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie von unschätzbarem Wert sind, Frau Zieger?“

„Ja, Herr Karcher, diesen Satz habe ich bereits mehrfach von Ihnen gehört.“
Auch ihre Stimme hatte einen warmen, dunklen Klang.

****

Die Firma Exquisitmöbel, die etwas außerhalb von Ettlin-gen lag, war leicht zu finden. Alex steuerte den Wagen auf den weitläufigen Parkplatz, der nach der Einfahrt einen Kundenbereich aufwies und im hinteren Teil einige Plätze für Lieferwagen hatte. Sie sahen zwei weiße Wagen mit dem Firmenlogo: das Wort „Exquisitmöbel‘ in hellgrauer Schrift, das E am Anfang und das Ö als schwarze Buchstaben.
Ein junger Mann mit einem Laubbläser, der das ankommende Auto wegen seiner Ohrschützer nicht gehört hatte, ließ das Laub übermütig aufwirbeln. Als er die beiden Kommissare wahrnahm, grinste er, zuckte entschuldigend mit den Schultern und ging seiner Arbeit wieder nach.
Ute und Alex gingen auf den Firmeneingang zu, über dem ihnen auch das E und das Ö entgegen leuchteten. „So eine Botschaft zu überbringen, fällt mir immer wieder furchtbar schwer. Ich glaube, daran kann man sich sein ganzes Leben nicht gewöhnen, da hilft auch keine Routine.“ Alex stimmte ihr zu.
Sie betraten eine großzügige Eingangshalle, die durch ihre schlichte Eleganz bestach. Auf der linken Seite standen drei graue Sessel um einen zierlichen runden Tisch, dahinter hing an der Wand ein gewaltiges abstraktes Gemälde in unterschiedlichen Blautönen, das eine erstaunlich beruhi-gende Ausstrahlung hatte. Auf der rechten Seite des Rau-mes trat eine Frau Anfang dreißig aus einem teilverglasten Büro. Von ihrer ganzen Erscheinung passte sie exakt in diesen Rahmen. Sie ging an die Theke, die wie eine blau-graue Welle wirkte und empfing die beiden Besucher mit einem freundlichen Lächeln. „Guten Tag, herzlich will-kommen bei Exquisitmöbel! Mein Name ist Sylvia Scholl. Was kann ich für Sie tun?“ Das Namensschild zeigte den Namen Scholl, das S schwarz hervorgehoben. Ute erwiderte das Lächeln, wurde dann aber ernst, als sie ihre Karte zeigte. „Guten Tag, mein Name ist Becker, das ist mein Kollege Weingärtner, wir sind von der Kriminalpolizei und kommen wegen Frau Hochstätt-Karcher. Gibt es Angehörige von ihr im Haus?“ Das professionelle Lächeln auf dem Gesicht von Frau Scholl wich einem erschreckten Ausdruck. „Ihr Ehemann und ihr Vater sind hier. Ist ihr etwas passiert?“ Ute überging die Frage mit den Worten: „Dann würden wir gerne am besten mit beiden sprechen, wenn das möglich ist.“
Frau Scholl nickte und verschwand in dem Glasbüro, tippte eine Kurzwahl in ihr Telefon, wartete einen Augen-blick und sprach dann mit dem Teilnehmer am anderen Ende. Erneut musste sie warten, nickte dann, erwiderte etwas und legte auf. Sie kam wieder nach vorne und zeigte mit einer angedeuteten Geste zum Ende des Raumes. „Nehmen Sie bitte den Aufzug und fahren ins zweite Ober-geschoss, dort wird Sie Herr Karcher erwarten.“ „Vielen Dank, Frau Scholl.“ Die beiden Kommissare gingen durch die Halle, betraten den gläsernen Aufzug, drückten die entsprechende Taste und fuhren lautlos nach oben. „Nobel hier“, sagte Alex, „die tragen ihren Namen nicht umsonst!“
Ute war dankbar, dass sie sich noch einmal umgezogen hatte und streifte mit ihrem Blick unauffällig den Kollegen, der wie üblich eines seiner T-Shirts in Übergröße trug, um seine Körperfülle etwas zu kaschieren. Er bot nicht unbe-dingt das klassische Bild eines Kriminalbeamten, aber da kam ihm die Ausstrahlung der Tatort-Krimis entgegen, die das Bild dieser Beamten deutlich gelockert hatten.
Der Aufzug war oben angekommen, die Tür öffnete sich lautlos, und sie standen einem großen, schlanken Mann gegenüber, der sie mit besorgter Miene empfing. Mit seiner Garderobe unterschied er sich drastisch von Alex: er trug eine graue Hose, helles Hemd mit roter Krawatte, darüber einen dunkelblauen Blazer. Sein braungebranntes Gesicht und die dunklen Locken sorgten dafür, dass er dennoch nicht steif wirkte.
Sie stellten sich gegenseitig vor, und Herr Karcher bat die beiden Kommissare, ihm zu dem Besprechungsraum zu folgen, in dem sein Schwiegervater auf sie warte. Auf dem kurzen Weg dorthin staunte Ute, mit welch einer Vielfalt von Grau- und Weißtönen hier architektonisch gespielt wurde. So war sie auch nicht überrascht, in dem Raum, den sie betraten, graue Sitzmöbel zu sehen. Wie in der Ein-gangshalle der Blauton vorherrschte, sorgten hier Rottöne für eine warme Atmosphäre.
Aus einem der Sessel erhob sich ein älterer Herr. Er mochte Ende sechzig sein, wirkte aber sehr dynamisch und durchtrainiert. Zu seinem dunkelgrauen Maßanzug trug er ein weißes Hemd und eine bordeauxrote Krawatte. Sein noch volles silbergraues Haar war nach hinten gekämmt, das markante Gesicht wurde durch eine schwarz umrandete Brille unterstrichen. „Hochstätt. Wie ich hörte, kommen Sie von der Krimi-nalpolizei wegen meiner Tochter. Nehmen Sie doch bitte Platz. Dürfen wir Ihnen etwas anbieten: Kaffee, Tee, Was-ser?“
Ute war überrascht, dass sich ein Vater in einer solchen Situation an höfliche Normen hielt und lehnte dankend ab, ebenso auch Alex. Nach einem Augenblick angespannten Schweigens ergriff Ute das Wort und richtete sich dabei an Herrn Hochstätt. „Ja, wir kommen wegen Ihrer Tochter. Sie hatte einen schweren Unfall.“ Sie machte eine kleine Pause, bevor sie die schreckliche Botschaft übermittelte. „Leider konnte man ihr nicht mehr helfen.“ Etwas leiser fuhr sie fort: „Es tut mir sehr leid, dass wir Ihnen diese Nachricht überbringen müssen. Ich möchte Ihnen unser herzliches Beileid aussprechen.“ Beide Männer schauten sie fassungslos an, als ob sie nicht glauben konnten, was sie gerade gehört hatten. „Aber sie saß doch vorhin noch in ihrem Büro, das kann gar nicht sein. Da liegt bestimmt eine Verwechslung vor“, sagte Herr Hochstätt mit belegter Stimme. „Ingo, willst du nicht nachschauen, ob sie an ihrem Schreibtisch sitzt?“ Der Angesprochene zuckte zusammen, er hatte immer noch starr auf die Kommissarin geblickt und erwiderte: „Nein, ich war vorhin dort, sie hat kurz nach dem Mittages-sen das Büro verlassen.“ An Ute richtete er die Frage, was denn passiert sei.
„Sie war auf dem Weg ins Albtal und ist mit ihrem Wa-gen von der Fahrbahn abgekommen. Ihr Fahrstil wirft eini-ge Fragen auf.“ Sie wechselte einen Blick mit Alex, der dankbar war, dass sie diese heikle Aufgabe übernahm. „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich so direkt frage: könn-te Ihre Frau Selbstmordgedanken gehabt haben?“ Seine Überraschung wirkte echt. „Nicole Selbstmordge-danken? Nein, niemals! Sie genoss das Leben in vollen Zügen. Sie sprühte förmlich vor Lebenslust.“ Ute hatte intuitiv den Eindruck, dass er nicht vom Glück in der eigenen Familie sprach und fragte sich, ob er wohl unter dieser Lebenslust gelitten habe.
Herr Hochstätt lockerte seine Krawatte etwas, sein Ge-sicht hatte deutlich an Farbe verloren. „Könnten Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen sein?“ Ingo zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete: „Sie trinkt hin und wieder gerne ein Glas Wein oder auch etwas Gehaltvolleres, aber nicht um diese Uhrzeit. Und wenn Sie sagen, dass sie auf dem Weg ins Albtal war, wollte sie bestimmt nach Herrenalb in die Therme zum Relaxen. Da würde sie eher dort ein Glas Champagner nehmen zwischen zwei Saunagängen.“
Bei dem letzten Satz meinte Ute einen abschätzigen Unterton herauszuhören. In dem Moment klopfte es kurz und die Tür öffnete sich. Eine schwarzhaarige Schönheit schaute herein. „Entschuldigung, aber Herr Dr. Böckelmann…“ Ingo unterbrach sie mit den Worten: „Übernehmen Sie das bitte, Frau Zieger, ich kann hier nicht weg, und Sie haben sich mit seinen Wünschen ja ausführlich befasst.“ Eine leichte Röte stieg in ihre Wangen, sie nickte und schloss die Tür nahezu lautlos. Ute nahm den Faden wieder auf: „So wie es aussieht, können wir im Moment nichts anderes tun, als die Obdukti-on abzuwarten. Kann einer von Ihnen beiden zur Identifi-zierung in die Pathologie kommen?“ Der ältere Herr griff sich ans Herz und hustete. Mit zitternder Hand zog er eine kleine Spraydose aus seiner Ja-ckentasche und sprühte sich zwei Hub eines Medikamentes in den Mund. Ingo ging zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Lothar, alles in Ordnung?“ Herr Hochstätt hatte sich zurückgelehnt, die Augen ge-schlossen und nickte: „Es geht schon wieder. Das ist alles ein bisschen viel. Würdest du das machen mit der Identifi-kation? Heißt das, dass Sie doch nicht sicher sind, ob es wirklich meine Tochter ist?“ Mit einem Hoffnungsschim-mer schaute er Ute an. Leise antwortete sie: „Das heißt es leider nicht. Es ist eine nötige Formalität, aber es besteht keinerlei Zweifel an der Identität Ihrer Tochter.“
Ingo hatte ein Glas mit Wasser gefüllt und seinem Schwiegervater gereicht. Er erkundigte sich, wann und wo er wegen der Identifizierung erscheinen solle. Alex erklärte es ihm, danach standen die beiden Kommissare auf, um sich zu verabschieden.
„Hatte sie Schmerzen?“ „Das wissen wir nicht, aber wir hoffen, dass sie nicht gelitten hat.“ Sie schüttelten den beiden die Hand. „Sobald wir klarer sehen, werden wir uns wieder bei Ihnen melden und das weitere Vorgehen besprechen. Wir haben den Kri-seninterventionsdienst benachrichtigt. Es müsste gleich jemand vorbeikommen, der Ihnen in dieser Situation etwas beistehen kann.“ Herr Hochstätt nickte abwesend, als ob er den Sinn der Worte nicht verstanden hätte. Ute nahm ihren Rucksack, Ingo begleitete sie zum Aufzug und schaute ihnen nach, als sie nach unten fuhren.